Eltern aktiv gegen Mediensucht
Angehörigen-Selbsthilfegruppe Hannover, Martha Reitmayr: Die Computerspielsucht eines Familienmitglieds bedeutet für die Angehörigen eine große existenzielle Herausforderung. Angesichts des selbstschädigenden, unsozialen und verantwortungslosen Verhaltens des Abhängigen bricht ein Gefühlschaos über die Angehörigen herein: Enttäuschung, Scham, Schuldgefühle, Sorge, Angst, Mitleid, Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung. Diese emotionale Überforderung kann zu Erschöpfung, Schlaflosigkeit, psychosomatischen Symptomen und Depression führen und behindert erst recht den Zugang zum süchtigen Kind oder Partner. Die Selbsthilfegruppe bietet Eltern und Partnern neben der Aufklärung über Ursachen und Besonderheiten der Onlinesucht auch Unterstützung bei der Annahme und Durcharbeitung der oben genannten negativen Gefühle. Sich aussprechen ist erleichternd, aber es darf nicht beim Klagen bleiben. Es gilt, neue Kommunikations- und Verhaltensmuster zu entwickeln und zu trainieren, unter anderem auch mithilfe von professionellen Beratern, um die häufig vorhandene Co-Abhängigkeit zu beenden und adäquates Handeln zu ermöglichen. Wenn Angehörige sich selbst verändern, ist dies der erste Schritt zur Veränderung des kranken Systems Familie und des Betroffenen selbst.
Elternkreis Ulm, Anni Martini: Wirkungsvolle Prävention beginnt im Alltag und zwar schon bei kleinen Kindern. Ist bei Eltern das Gefühl abhanden gekommen, ein klares Ja oder Nein zu sagen und das auch durchzusetzen? Behüten sie ihre Kinder zu sehr vor negativen Konsequenzen aus Fehlverhalten? Wenn Kindern zuviel abgenommen wird, haben sie bis zur Pubertät nicht gelernt, mit negativen Gefühlen und Frustration umzugehen. Erfahrungen aus über 20 Jahren Selbsthilfe mit Eltern suchtgefährdeter und suchtkranker Kinder haben gezeigt, welches Verhalten am wirksamsten ist: Klares und einiges Elternverhalten mit Erklärung, warum man bestimmtes Verhalten einfordert, Androhung von Konsequenzen bei Zuwiderhandlung und Durchhalten dieser Konsequenzen. Aber auch Wertschätzung des Jugendlichen durch Zeit, die ihm gewidmet wird. Damit wird häufig erreicht, dass der Drogenkonsum (Medienkonsum) deutlich reduziert wird und letztendlich ganz aufhört. Erziehung ist anstrengend, sie lohnt sich aber.
Elterninitiative rollenspielsucht.de und AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V., Christoph Hirte:
Das vielgerühmte Wörtchen „Medienkompetenz“ ist mittlerweile in aller Munde. Wie diese jedoch aussehen soll im Angesicht des ungeheuren Sogs, den die meisten Spiele auf unsere Kinder ausüben, bleibt unbeantwortet. Die Verunsicherung der Eltern in punkto Medienerziehung ist groß. Obwohl die exzessive Mediennutzung in vielen Familien bereits ein hohes Maß an Kommunikationslosigkeit mit sich gebracht und der PC längst gemeinsame Familienunternehmungen verdrängt hat, obwohl in vielen Fällen die Schulnoten dramatisch abfallen, trauen sich viele Eltern nicht, klare Mediennutzungszeiten einzufordern. Zu groß ist die Angst, als rückständig eingestuft zu werden, ihre Kinder auszugrenzen, ihnen den „Fortschritt“ zu verweigern, die „Zukunft“ und die „neue Jugendkultur.“ Vor lauter Verunsicherung scheint den Eltern das Gespür abhanden gekommen zu sein, was ihren Kindern gut tut und was nicht. Erst wenn das Kind „in den Brunnen gefallen ist“ und die Kontrolle über seinen PC-Konsum und damit auch über sein Leben verliert, wird den verzweifelten Eltern klar, dass sie viel früher hätten eingreifen müssen. Eine ohnmächtige Wut wird spürbar, Wut auf etliche z.T. fahrlässig verharmlosende Medienpädagogen, die für die Heranwachsenden den nahezu unbegrenzten Zugang zum PC empfehlen, damit sie später nicht den beruflichen Anschluss verlieren, und vielfach die „nicht zu unterschätzenden Kompetenzen“ rühmen, die das Kind sich dadurch angeblich für sein ganzes weiteres Leben erwirbt.
Wir wollen die zutiefst verunsicherten Eltern stärken und sie ermutigen, wieder mehr auf ihr eigenes Gefühl zu vertrauen, egal was ihnen von Seiten der Spielehersteller oder etlicher Medienpädagogen geraten wird. Wir wollen sie auffordern, ihre Wut in Kraft zu verwandeln, um aktiv und mutig zum Thema Mediennutzung ein Umdenken in den Familien in Gang zu setzen. Wir wollen durch umfassende Aufklärung, wohin exzessive Mediennutzung führen kann, möglichst auch schon Eltern von Kleinkindern erreichen, denn ein übermäßiger TV-Konsum bereits in sehr jungen Jahren ist für uns die Einstiegsdroge zum Missbrauch elektronischer Medien. Die z.T. mit Medien aller Art hochgerüsteten Kinder- und Jugendzimmer setzen diese Entwicklung fort, die dann, wenn der Internetanschluss dazu kommt, kaum mehr zu bremsen ist.